Privatzahnärztetag 2020 in Frankfurt am Main

Bericht vom Privatzahnärztetag am 10. & 11.01.2020

Im Januar, so ist es üblich in der PZVD - treffen wir uns zum öffentlichen Privatzahnärztetag und lassen uns die Gedanken zurecht rücken von Vortagenden verschiedenster Couleur.


Freitag: Psychologie und Politik


Im Anschluss an die Begrüßung fasste Dr. Georg Kolle, Präsident der PZVD, zusammen, welche wirtschaftlichen Entwicklungen sich aus den statistischen Jahresveröffentlichungen von KZBV und BZÄK herauslesen lassen. Augenfällig wurde, dass die Einnahmen der Praxen seit einigen Jahren wieder steigen. In der Zusammenschau der Daten wurde jedoch sichtbar, dass dies nicht etwa einer steigenden Honorierung entstammt - woher sollte die auch kommen? Statt dessen zeigt sich ein Anwachsen der Leistungsvolumina durch Mehrarbeit in den Praxen - das Hamsterrad dreht immer schneller. An den Niederlassungszahlen ist außerdem abzulesen, dass immer mehr Praxen, die nicht erfolgreich genug auf dem Markt arbeiten, in MVZ und ähnlichen Formen aufgehen, somit verschwinden Niedrigverdiener aus den Statistiken.

Während die Honorare in BEMA annähernd und in GOZ/GOÄ abolut gleich bleiben, steigt aber nicht nur die Anzahl von Leistungen, es erhöht sich auch die von abhängig beschäftigten Zahnärztinnen und Zahnärzten und die Menge an Privatleistungen, für die Patienten aus eigener Tasche gerade stehen.

Die für viele Fälle erkennbare treibende Kraft dahinter ist aber nicht etwa der Fortschritt in der Zahnmedizin, sondern die blanke wirtschaftliche Not: wer seine Preise nicht erhöht, kann nicht bestehen.

Ein Highlight der Jahrestagung war der Vortrag von Prof. Dr. Uwe Kanning (Bild rechts). Der Wirtschaftspsychologe von der Universität Osnabrück zeigte in einem trotz einer Vielzahl von statistischen Grafiken lebendigen und unterhaltsam spaßigen Vortrag, was wirlich dran ist an Binsenweisheiten der Betriebsführung und des Marketings.

Neben dem sehr hohen Unterhaltungswert schaffte er es mühelos das gespannte Publikum von uns oft neuen wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen wirklich zu überzeugen. Manch eine althergebrachte Überzeugung hat den Raum nicht mehr verlassen.

Nach der Mittagspause stand der politische Nachmittg auf dem Programm.

Während der Vertreter der CDU, MDL Peter Preuss, sich besonders gewandt zeigte, was sein Wissen über Krankenhausmanagement und stattgefundene regionale Projekte in diesem Themenkreis betraf, fiel es Frau Dr. med. Kathrin Kappert-Gonther, MdB der GRÜNEN, erheblich leichter, von ihren gesundheitspolitischen Schwerpunkten kommend auf zahnmedizinische Fragen einzugehen und argumentatorisch mit dem Publikum mitzuhalten.

Auch Herr Dr. Florian Reuther, der neue Verbandsdirektor des PKV-Verbands, zeigte sich als erfrischend offener Diskussionspartner, der nach einer Darstellung der zukünftigen Rolle der PKV im zukünftigen Gesundheitswesen intensiv mit dem Auditorium und Frau Dr. Kappert-Gonther Zwiesprache hielt.

Deutlich traten unterschiedliche Sichtweisen von Politik, privater Versicherungswirtschaft und freiem (zahn-)ärztlichen Denken zutage. Die Diskussion war jedoch nicht nur kontrovers. So ging die Bundestags-Abgeordnete der Grünen deutlich auf Dr. Reuther zu und bekundete, sich eine Bürgerversicherung unter Fortbestehen privater Leistungen und Leistungserstatter ausdrücklich neben einer in der Bürgerversicherung geregelten Basismedizin vorstellen zu können. Ihrem Verständnis nach wäre also die Bürgerversicherung zunächst ein versicherungstechnisches Basismodell neben dem sie eine darüber hinausgehende Medizin als natürlich notwendig ansieht. 

Im Anschluss an die lebhaften und spannenden Diskussionen fand die Mitgliederversammlung mit Wahl des neuen Vorstands des PZVD e.V. statt.Im Ergebnis setzt sich der neue Vorstand 2020-2021 folgendermaßen zusammen:

Präsident: Dr. Georg Kolle
Vizepräsident: Joachim Hoffmann
Generalsekretärin: Dr. Mildred Hartmann
Schatzmeister: Dr. Bastian Rötzel
Beisitzer: Dr. Christian Andres Schneider

Senckenberg-Museum und Gesellschaftsabend

Im Anschluss begab sich ein großer Teil der Tagungsteilnehmer mit weiterer Begleitung in die wissenschaftliche Sammlung des benachbarten Senckenberg-Museums. Im Vortrag von PD Dr. Kullmann und Prof. Dr. Winzen über die Entsicklung der Okklustion unter paläonthopologischer Sicht bekamen die Teilnehmer aus den Tresoren des Museums einzigartige Fundstücke der Menschheitsgeschichte zu sehen. An ihnen und an heutigen Proben finden umfangreiche computergesteuerte Analysen statt, die die Wichtigkeit der Okkustionsgestaltung für den kommenden Vortragstag bereits beleuchteten.

Anschließend kehrte die Gesellschaft zum Abendessen im nahe gelegenen Restaurant Silverspoon ein, wo unter landestypischer ausgezeichneter Bewirtung alte Bekanntschaften aufgefrischt, neue Freundschaften geschlossen und die Themen des Tages weiter diskutiert wurden.

Samstag: Zahnmedizin und Zahntechnik

Mit zwei Vorträgen zur Kostenerstattung nach § 13 SGB V wurde der Samstag eingeläutet. Dr. Elian Cunea brachte seine sehr langjährigen Erfahrungen ausführlich dem nachfragend interessierten Publikum nahe. Seit vielen Jahrzehnten ist die Kostenerstattung gelebte Abrechnungsvariante in seiner Praxis. Seine besonderen Bemühungen und sein ethischer Anspruch gelten dabei dem Umstand, dass seine Patienten eine maximal mögliche Erstattung von der GKV erhalten. Hierfür ist seine Praxisverwaltung auf intensiven Briefwechsel mit den Krankenkassen eingestellt.

Im Kontrapunkt dazu stellte Dr. Georg Kolle sein Vorgehen in der Praxis dar, das die Mündigkeit und Eigenverantwortung des Patienten betont. Bereits mit dem Ausfüllen des Aufnahmebogens wählen Patienten ihren Behandlungsanspruch aus, wobei sie zwischen "purer GKV-Behandlung", "GKV plus" als herkömmlichem Zuzahlungsmodell und "Kostenerstattung" als privatem Abrechnungsmodell mit voller Eigenverantwortung wählen. Somit ist die Praxis von Beginn an im Gespräch, in der wirtschaftlichen Beratung über Krankheitskosten und Leistungseinschränkungen durch den BEMA und seine nachgeordneten Richtlinien.Wie im privaten Behanldungsverhältnis sonst auch wird eine Honorarvereinbarung geschlossen und Medizin steht im Mittelpunkt, während die Patienten für sich selbst entscheiden, ob sie diese Behandlung für sich als wirtschaftlich ansehen. Auch die Praxis Dr. Kolle ist zur Abrechnungsunterstützung bei Verhandlungen mit der GKV bereit, vereinbart hierfür jedoch eine Verlangensleistung nach dem Verursacherprinzip.

Nun folgte der Schwerpunkt CAD/CAM in dem der Obermeister der lokalen Zahntechnikerinnung, ZTM Horst-Dieter Deusser, als Befürworter einer arbeitsteiligen intensiven Zusammenarbeit zwischen freiem zahntechnischem Labor und Praxis Stellung bezog und auch anregte über eine Erweiterung der Kompetenzen für den zahntechnischen Beruf nachzudenken.

Vizepräsident Joachim Hoffmann berichtete von seinen guten Erfahrungen mit der Kooperation mit einem oder wenigen örtlichen Dentallabors. Dabei legte er den Schwerpunkt auf die immer gut abgrenzbare Arbeitsteilung und die klare Kompetenzaufsplittung. Vorteilhaft für die Praxis sei zudem, stets auf neueste Verfahren zugreifen zu können ohne sich selbst in zahntechnische Investitionen stürzen zu müssen.

Hierzu stellte Dr. Georg Kolle die Entwicklung seines technikerlosen Eigenlabors vor, die sich von der bloßen Modellerstellung entwickelt hat zur Herstellung von Veneers und Vollkeramikkronen und -brücken aus Glaskeramiken und Zirkonkeramiken bis hin zur impalntatgetragenen herausnehmbaren Prothetik über CAD/CAM- und Druckverfahren.Einem massiven Investitionsaufwand steht dabei die sehr individuelle Fertigung und Feingestaltung durch den Behandler und sein fortgebildetes Team selbst gegenüber.

Intensiv und emotional waren die Diskussionsbeiträge. Hatten einige Bedenken, dass im Eigenlabor generell eine ähnliche Qualität erreicht werden könnte wie im freien Dentallabor, so wurde gegengehalten, dass die Maschinerie identisch, das Arbeitsfeld jedoch viel überschauberer sei, zumal im Praxislabor nicht alle Herstellungsverfahren vorgehalten werden müssen. 

Welches Konzept man für seine Praxis wählt - so kam es am Ende heraus - mag Teil der Persönlichkeitsstruktur des Praxisinhabers / der Praxisinhaberin sein.

ZTM Deusser zog das Fazit, dass CAD/CAM auch bloß ein Werkzeug sei. Man war sich einig, dass es auch unter Laboren deutliche Unterschiede gibt. Es kommt halt darauf an, was man daraus macht.

Dr. Alexandra Bodmann-Peschke leitete die Nachmittagsrunde ein mit einem deutlichen Blick über den Tellerrand. Sie stellte ihre Bisslageanalyse mit Hilfe von Fußdruckmessplatten vor und zeigte an Patientenbeispielen, dass die korrekte Austarierung der Bissverhältnisse sich sehr effektiv an den Fußsohlen und der Gewichtsverteilung beim Stehen probatorisch einstellen lässt.

Abschließend gab es ein Update im Thema Endodontie vom Spezialisten Dr. Tomas Lang, der zunächst beeindruckend aus seiner Arbeit berichtete, die sich heutzutage Teilweise auf Mikro-CTs stützt, was im Einzelfall das zielgenaue Durchbohren obliterierter Kanalabschnitte ermöglichen kann. Tipps und Neuigkeiten für den Alltag rundeten das Vortragsprogramm ab, das mit einem Blick zurück auf den kleinen blauen Planeten emotional ausklang.

Der neue Vorstand des PZVD e.V. bedankt sich beim bisherigen Vorstand für die Vorbereitung, bei allen Referentinnen und Referenten für Einblicke und neue Erkenntnisse und bei den Mitgliedern der Privatzahnärztlichen Vereinigung für den Auftrag, im Zeitraum der Bundestagswahl 2021 die Geschicke der Zahnmedizin in Deutschland so sehr zu beeinflussen, wie es uns gelingen kann.


Wir freuen uns auf ein Wiedersehen, auf zahlreiches Erscheinen und spannende Vorträge, neue Sichtweisen und visionäre Lösungswege auf dem Privatzahnärztetag 2021, der im Steigenberger Hotel am Kanzleramt in Berlin am 08. und 09. Januar 2021 im "Zentrum der Macht" stattfinden wird!